Ein Gastwirt formt die Stadt
Faszinierende Geschichte des
Conring’schen Hauses in Aurich
Das Geheimnis hinter der Fassade
Wer heute durch die Auricher Burgstraße schlendert, blickt auf eine Kulisse, die von modernen Schaufenstern und regem Geschäftsbetrieb geprägt ist. Doch zwischen all dem Glas und Stahl verbirgt sich ein Juwel, das eine völlig andere Geschichte erzählt. Wo heute das Conring’sche Haus mit seiner prachtvollen Fassade die Blicke auf sich zieht, stand bis zum Jahr 1803 lediglich ein baufälliges, zweistöckiges Wohnhaus – ein Schandfleck, der kaum erahnen ließ, welche Pracht hier bald entstehen sollte. Es ist die Geschichte eines Mannes, der als Gastwirt begann und als Architekt das Antlitz einer ganzen Stadt verwandelte. Begleiten Sie mich auf eine Reise in das frühe 19. Jahrhundert, um das Geheimnis hinter diesen Mauern zu lüften.

Der Gastronom als Stadtgestalter: Conrad Bernhard Meyer
In der ostfriesischen Historie gibt es kaum eine Figur, die so faszinierend unangepasst ist wie Conrad Bernhard Meyer. Er war ein Pionier, der den Zapfhahn gegen den Reißzirkel eintauschte. Dass ein Gastwirt im 19. Jahrhundert zum wesentlichen Gestalter der Stadtentwicklung aufstieg, ist in ganz Ostfriesland einmalig. Meyer war die Verkörperung des aufstrebenden, selbstbewussten Bürgertums, das sich nicht mehr nur auf sein angestammtes Gewerbe verließ, sondern die Welt um sich herum aktiv formen wollte.

Bereits 1790 entdeckte er seine Leidenschaft für die Architektur und entwarf die heutige „Löwenapotheke“ am Marktplatz. Doch Meyers Visionen reichten weiter: Er war 1796 maßgeblich an der Kanalverbindung zwischen Aurich und Emden beteiligt und schuf mit dem „Pingelhus“ – ursprünglich ein Speditionshaus am neuen Hafen – ein weiteres Wahrzeichen. Meyer bewies, dass man kein studierter Baumeister sein musste, um die Statik einer Stadt nachhaltig zu verändern.
Vertikale Integration im Jahr 1804: Architekt, Händler und Lieferant
Als Meyer 1804 den Bau des Conring’schen Hauses in der Burgstraße begann, agierte er mit einer geschäftlichen Weitsicht, die wir heute als „vertikale Integration“ bezeichnen würden. Er war nicht nur der Architekt, der das Haus mit seinem markanten Giebeldreieck und dem reich verzierten Fries entwarf; er war gleichzeitig sein eigener Logistiker und Baustoffhändler. Die Materialien wurden praktisch über den Auricher Hafen angeliefert, und in seiner frisch fertiggestellten Sägemühle an der Haxtumer Brücke ließ er die Balken passgenau zuschneiden.
Besonders lebendig wird diese Geschichte durch die Original-Rechnungen, die sich bis heute im Familienbesitz befinden. Sie verleihen der Historie ein menschliches Gesicht: In den Papieren finden sich nicht nur die trockenen Zahlen, sondern sogar die Namen der Fuhrleute, die den Stein herbeischafften. Und Meyer selbst? Er war sich für keine Arbeit zu schade. Eine Rechnung aus dem Juni 1804 belegt, dass der gefeierte Stadtgestalter höchstpersönlich 2000 Steine an die Baustelle lieferte. Hier arbeitete ein Mann mit Leib und Seele an seinem Vermächtnis.
Ein Rekord an Beständigkeit: Seit 1806 in Familienbesitz
Im Jahr 1806 war das für damalige Verhältnisse äußerst vornehme Bürgerhaus bezugsfertig. Seit diesem Moment ist etwas geschehen, das in Aurich absolut einmalig ist: Das Anwesen befindet sich in ununterbrochener Folge im Besitz der Familie Conring. Während links und rechts die historischen Fassaden modernen Verkaufsflächen weichen mussten, behauptet sich dieses bürgerliche Wohnhaus bis heute als Zeitkapsel inmitten der Einkaufsmeile.
Dieser Erhalt ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine bewusste kulturelle Leistung. Es bedurfte des Engagements jeder einzelnen Generation, um das Haus nahezu unverändert durch die Wirren der Jahrhunderte zu retten. Ein herausragendes Beispiel für diese Treue zum Erbe war das Jahr 1991, als Dr. Werner Conring mit Unterstützung des Denkmalschutzes erhebliche Mittel investierte, um das große Dach und den wertvollen Fries komplett zu restaurieren.
„Der Familie kann nicht hoch genug angerechnet werden, dass auch alle nachfolgenden Generationen darauf bedacht waren, das Haus nahezu unverändert über die Zeiten zu retten.“
Die mysteriöse „Wanderung“: Reichtum zum Herzeigen
Einst verfügte das Haus über ein architektonisches Detail, das heute nur noch durch eine Absperrung in der Fußgängerzone angedeutet wird: die sogenannte „Wanderung“. Dabei handelte es sich um ein hohes Podest, das sich über die gesamte Hausbreite erstreckte. Es war ein Symbol für das gesellschaftliche Credo jener Tage: „Hast Du was – bist Du was“. Wahrscheinlich gab es in ganz Aurich kein Podest, das so hoch war wie dieses – ein steingewordenes Statement bürgerlicher Wohlhabenheit.
Doch diese Demonstration von Status führte zu einem köstlichen juristischen Drama. In den 1830er Jahren forderte der Magistrat den Abriss, da die Wanderung den Verkehrsfluss in der Burgstraße massiv behinderte. Der Jurist Justus Conring, ein Meister seines Fachs, lieferte sich einen jahrelangen Schlagabtausch mit der Stadtverwaltung. Er versuchte einen kühnen architektonischen Bluff: Er behauptete steif und fest, dass die Wegnahme des Podests die gesamte Standfestigkeit der Vorderfront gefährden würde. Erst als der Landbau-Conducteur Blohm dieses Argument wissenschaftlich als haltlos entlarvte, musste Conring nachgeben. 1843 wurde das stolze Podest abgebaut und zu einem schlichten „Trottoir“ umgestaltet.
Ein Anker in der Zeit
Das Conring’sche Haus ist weit mehr als eine Ansammlung von Ziegeln und Mörtel. Es ist ein Denkmal für Conrad Bernhard Meyers Ambition und die Beständigkeit einer Familie, die ihren Platz in der Stadtgeschichte über 200 Jahre hinweg verteidigt hat. Es zeigt uns, wie Architektur nicht nur Wohnraum schafft, sondern Identität stiftet und den Charakter einer Stadt über Generationen hinweg bewahrt.
Wenn Sie das nächste Mal an dem Gebäude in der Burgstraße vorbeigehen, halten Sie kurz inne und lassen Sie den Blick über den Fries wandern. Und fragen Sie sich selbst: Welche anderen Fassaden in unserer Stadt verbergen wohl ähnlich fesselnde Geschichten von Pioniergeist, kleinen Listigkeiten und großer Beständigkeit?