Mehr als nur Steine
Das Geheimnis hinter Aurichs berühmtestem Fotomotiv
Der Schein trügt in der Auricher Altstadt
Wer durch die Auricher Fußgängerzone flaniert, kommt an ihnen nicht vorbei: Die monumentalen Torpfeiler am westlichen Eingang der Altstadt markieren einen der fotogensten Orte Ostfrieslands. Gemeinsam mit dem Lambertiturm im Hintergrund bilden sie ein Ensemble, das dem Betrachter unmittelbar das Gefühl vermittelt, vor den wehrhaften Überresten einer mittelalterlichen Befestigungsanlage zu stehen.
Doch der kulturhistorische Schein trügt. Was heute landläufig als „Burgtore“ bezeichnet wird, hat eine weitaus prunkvollere und friedlichere Vergangenheit, als der Name vermuten lässt. Dass sich dieser Irrtum so hartnäckig hält, liegt unter anderem an der lokalen Topographie: Die Pfeiler stehen heute unweit jener Stelle, an der bis etwa 1700 das echte, zweigeschossige Hadewigstor den Zugang zur Stadt sicherte. Nach dessen Abriss trat das heutige Monument an seine Stelle – allerdings mit einer gänzlich anderen Bestimmung.
Ein Portal für das Vergnügen, nicht für die Verteidigung
Hinter der massiven Optik der Pfeiler verbirgt sich kein militärisches Bollwerk, sondern das repräsentative Entree zu einer Welt des Müßiggangs. Die Pfeiler waren ursprünglich als prachtvolles Eingangsportal für den fürstlichen Lustgarten „Julianenburg“ konzipiert. In einer Ära, in der das barocke Repräsentationsbedürfnis seinen Zenit erreichte, gab der ostfriesische Fürst Christian Eberhard (1665–1708) das Bauwerk in Auftrag.
Am 17. Juli 1705 bestellte er die Pfeiler beim Bremer Bildhauer Johann Mehne für die damals beachtliche Summe von 300 Reichstalern. Es wohnt der Geschichte eine gewisse Tragik inne, dass der Fürst die Vollendung seines Auftrags nicht mehr miterleben durfte: Er verstarb im Jahr 1708, genau in jenem Jahr, in dem die Statuen schließlich ihren ersten Bestimmungsort erreichten.
„Die Pfeiler – auch Burgtore genannt – waren jedoch nie Teil eines Stadttores.“
Diese Zweckentfremdung im Volksmund überlagert die ursprüngliche, weitaus feinsinnigere Funktion: Das Durchschreiten dieses Portals markierte nicht den Eintritt in eine gesicherte Festung, sondern den rituellen Übergang in einen Ort der höfischen Ästhetik.
Versailles in Ostfriesland
Die Ambitionen von Fürst Christian Eberhard waren alles andere als provinziell. Bereits 1691 ließ er die Anlage, die Graf Ulrich II. im Jahr 1640 zu Ehren seiner Gemahlin Juliane inmitten der Wirren des Dreißigjährigen Krieges angelegt hatte, grundlegend umgestalten. Sein erklärtes Ziel war der kulturelle Anschluss an die absolute Spitze Europas – das Schloss Versailles diente als unverkennbares Vorbild.
Die Parkstruktur folgte einer strengen geometrischen Stringenz, die Macht und Ordnung über die Natur symbolisierte:
- Die Hauptachse: Die heutige Graf-Ulrich-Straße bildete die zentrale Sichtachse des ehemaligen Lustgartens.
- Geometrische Ordnung: Jeweils drei durchgehende Längs- und Queralleen gliederten das Areal. Zehn Fuß hohe, präzise beschnittene Heckenwege formten komplexe Labyrinthe und geometrische Figuren.
- Zentrale Ikonographie: Ein Springbrunnen mit einer Merkurstatue bildete das Zentrum eines quadratischen Bereichs, gefolgt von einem sternförmigen Wegesystem und einem Irrgarten.
- Abschluss: Eine halbmondförmige Fasanerie und weitläufige Obstbaumbestände im schlossnahen Bereich rundeten das grüne Gesamtkunstwerk ab.
Göttliche Details in Spiegelschrift
Die wahre Meisterschaft der Pfeiler offenbart sich in ihrer komplexen Ikonographie. Als Wächterinnen des Gartens thronen zwei Göttinnen auf den Kapitälen, deren Attribute weit über bloße Dekoration hinausgehen.
Auf dem linken Pfeiler wacht Pallas Athene, die griechische Göttin der Weisheit und Strategie, erkennbar an der Eule und ihrem Kriegsgewand. Ihr gegenüber auf dem rechten Pfeiler steht die römische Kriegsgöttin Bellona, bewehrt mit Helm, Schwert und Lanze. Diese Wahl ist kein Widerspruch zum Charakter eines Lustgartens, sondern Ausdruck barocker Dualität: Nur durch Weisheit und die Bereitschaft, die Ordnung zu verteidigen, kann der Frieden im Inneren des Gartens gedeihen.
Ein Blick auf die Details der Schilde offenbart zudem eine subtile hierarchische Botschaft:
- Athene (links): In ihrem Schild prangt in kunstvoller, barock-verschnörkelter Spiegelschrift das fürstliche Monogramm von Christian Eberhard.
- Bellona (rechts): Ihr Schild trägt das gräfliche Wappen, was die historische Kontinuität und den Status des Hauses unterstreicht.
Ein Denkmal auf Wanderschaft
Obwohl die Pfeiler aus massivem Stein gefertigt sind, zeugt ihre Chronologie von einer erstaunlichen Dynamik. Fast scheint es, als wäre dieses ortsfeste Denkmal über die Jahrhunderte so mobil wie die Stadtgrenzen selbst gewesen:
- 1708: Erste Aufstellung an einer Zugbrücke, die den Schlossbezirk über den Stadtgraben hinweg mit dem Julianenburger Park verband.
- 1765: Nach der Aufteilung des Parks erfolgte die Versetzung an die Burgstraße auf Höhe der „Alten Wache“. Erst hier, durch die räumliche Nähe zum einstigen Stadteingang, festigte sich die historisch ungenaue Bezeichnung „Burgthor“.
- 1960er Jahre: Umzug zum Eingang der modernen Julianenparkanlage.
- 1974: Mit der Eröffnung der Fußgängerzone erhielten sie ihren heutigen, prominenten Standort.
Es ist eine feine historische Ironie, dass diese Symbole barocker Beständigkeit über 300 Jahre hinweg immer wieder ihren Platz wechseln mussten, um dem Wandel der Stadtstruktur Rechnung zu tragen.
Fazit: Ein Erbe, das bleibt
Die Torpfeiler von Aurich sind weit mehr als eine pittoreske Kulisse. Sie sind steinerne Zeugen eines kulturellen Selbstbewusstseins, das einst den Glanz von Versailles in den Norden trug. Dass sie heute als „Burgtore“ bekannt sind, ist ein charmantes Missverständnis der Regionalgeschichte, das uns jedoch daran erinnert, wie sehr sich die Bedeutung von Bauwerken über die Jahrhunderte wandeln kann.
Wie viel Geschichte übersehen wir im Alltag, wenn wir gedankenversunken durch moderne Einkaufsstraßen flanieren? Wenn Sie das nächste Mal an den „Göttinnen von Aurich“ vorbeilaufen, halten Sie einen Moment inne: Erkennen Sie das versteckte Monogramm im Schild der Athene? Es ist die persönliche Handschrift eines Fürsten, der seinen Traum von Vollkommenheit in Stein meißeln ließ, ihn selbst jedoch nie vollendet sah.